Deister- und Weserzeitung von Freitag, dem 18. September 2006 - Reportage von Karen Klages
Hameln. 12.56 Uhr. Ein Blick zur Uhr genügt. Die Finger fliegen über die Tasten, schreiben die An- und Abmoderationen für die Sendung. Nachrichten frisch aus dem Drucker - damit gehen die Jungs rein ins Studio. Die Aufgabenverteilung ist klar: Einer macht Technik am großen Mischpult, der andere steht am Nachrichten-Tisch. Um 13.06 Uhr sind die Nachrichten vorbei - die Jungs gehen in Position. "Lollipop, Lollipop, oh Lolli..." dröhnt aus den Kopfhörern. Der 14-Jährige am Pult dreht den Regler hoch. Die rote Lampe leuchtet. Er ist "on air" - auf Sendung: "Hallo, hier ist wieder Lollipop, das kunterbunte Kindermagazin von RadioAktiv." Der Jung-Moderator hebt seine rechte Hand und zählt: drei, zwei, eins. Das ist das Zeichen für den 13-Jährigen am Nachrichten-Tisch - denn er muss auf Kommando sagen: "Mit Sven Kutschera..." Der Kollege nimmt die Hand runter. Jetzt muss er seinen Namen sagen: "und Sven Bottesch." Sein Bein wippt auf und ab, auch wenn die Musik nicht läuft. Sven Bottesch steht im gläsernen Studio von Radio Aktiv und spricht noch einmal die nächste Anmoderation für einen Beitrag über den Hamelner Tauchklub durch. Schnell wird ihm klar: "Der Satz ist zu lang." In Sekundenschnelle wirft er einen Blick auf die Spielzeit des aktuellen Songs: "Slowly" von Sasha. Der läuft jetzt noch 30 Sekunden. Eigentlich keine Zeit mehr, um noch die Anmoderation zu ändern, aber Bottesch ist Profi. Nicht umsonst hat er im vergangenen Jahr den Niedersächsischen Hörfunkpreis bekommen. Ein Griff in den Rucksack genügt, dann ist der Stift gefunden. Nachwuchs-Journalist Bottesch streicht ein paar Wörter aus dem Satz - schon hört er sich besser an. Nochmal die Anmoderation durchsprechen - nein, dafür ist keine Zeit mehr. Die beiden Jungs setzen ihre Kopfhörer auf. Und Sven Bottesch beginnt zu lesen. Alles klappt perfekt - der vierminütige Beitrag ist auf Sendung. Und Sven übt schon mal seine Abmoderation. Auch die gefällt ihm nicht. "Die Namen müssen ans Ende", sagt er zu Sven. Zum allerersten Mal in dieser Samstagssendung ist Ralf Vogelsbergs Stimme aus dem Off zu hören: "Die Namen sind aber wichtig, Sven. Die gehören an den Anfang." Ralf Vogelsberg, Betreuer und Gründer der Kinderredaktion Lollipop, muss in der Sendung fast gar nicht mehr eingreifen, sowieso nicht bei den Profis. Trotzdem ist er oder ein anderer Betreuer immer dabei - und gibt so wie jetzt auch schon mal Ratschläge. Ob die angenommen werden, weiß er nicht: "Das hier ist eine Sendung von Kindern für Kinder. Da sollten Erwachsene nicht so viel reinreden", meint er. Heute bleiben die Namen in der Abmoderation am Ende stehen. "Love Generation" läuft gerade in der Sendung, da haben die beiden Jungs Lust mitzusingen - und tun es auch. "Feel the love generation" - Sven Kutschera steht summend am Nachrichten-Tisch. Zweimal spricht er noch die Ankündigung für das Gewinnspiel vor sich her. Seit zwei Jahren ist er jetzt dabei. Ein bisschen aufgeregt ist er immer noch vor der Sendung. Er geht - wie der andere Sven auch - noch auf das Gymnasium. Und doch wissen die beiden Svens schon heute: "Wir wollen Moderatoren werden." Die wöchentlichen Treffen am Freitag und die gelegentliche Moderation am Samstag bringen den beiden also mehr als nur ein bisschen Spaß. Aus Sicht der Jungs ist es ein ernst zu nehmender Job. Gerade für Sven Bottesch, der nie mit einer seiner Sendungen zufrieden ist. Trotz der Bestätigung durch den gewonnenen Preis. "Nur noch acht Sekunden", ruft der Technik-Sven plötzlich in den Raum und beide greifen schnell zu ihren Kopfhörern. Die Moderation ist vorbei, der Beitrag läuft - und Technik-Mann Sven atmet erstmal ganz tief durch. "Das war so knapp", sagt er und bildet zwischen Zeigefinger und Daumen eine kaum sichtbare Lücke. Ralf Vogelsberg sitzt am Telefon im Studio und stellt die Verbindung zu dem heutigen Gewinner von zwei Kinokarten her. Maximilian Lücke-Lange. Der meldet sich auch sofort. Ist bloß etwas schüchtern. Natürlich nicht gerade vorteilhaft für eine Radiosendung, in der Worte natürlich viel besser verstanden werden als Schweigen. Action mit Emotion ist hier gefragt. Das wissen auch die beiden Moderatoren. "Das eine Mädel haben wir letztens erstmal lange genug kreischen lassen", erinnert sich Sven Kutschera. Sven Bottesch ist wieder "on air". Am Telefon: Gewinner Maximilian. Der freut sichüber die Kinokarten - und verkündet: "Ich habe Magen-und-Darm-Grippe." Als Sven wissen will, wie lange er denn schon flach liegt, folgt prompt die Antwort: "Ich bin seit acht Wochen krank." Sven stutz erstmal, verdreht die Augen und improvisiert: "Ja, dann wird es aber wirklich Zeit, dass du mal wieder raus kommst." Gut improvisiert. Und professionell reagiert. Das sollte man bei Live-Sendungen schon drauf haben. Bei den Lollipop-Sendungen hat es seit der ersten Sendung vor rund vier Jahren noch keine richtige Panne gegeben. Und wenn doch mal etwas falsch gesagt oder vergessen wird, so fällt das dem Zuhörer sowieso nicht auf. Denn der weiß ja nicht, was eigentlich gesagt werden sollte. Sven Kutschera hat heute auch mal wieder so 'ne kleine Panne am Ende der Sendung: "Wir verabschieden uns von euch und bedanken uns bei den Kinderredakteuren der Lollipop-Redaktion." Ein Blick auf Ralf Vogelsberg genügt ihm: Er hat vergessen, sich nochmal bei den Betreuern zu bedanken. "Vielleicht sollte man sich die Moderationen vorher mal durchlesen, Kollege", ist Vogelsbergs Antwort. Manchmal sind vier Minuten vor Sendung eben doch zu wenig Zeit - für einen Profi, der 13 ist.